Sein und Schein

Dirk de Pol, 8. Januar 2019

Kultur, Mentale Gesundheit

Blicken wir durch die Simulationen und Oberflächen, über die wir mit unseren Mäusen huschen, noch durch? Oder können wir im Computerzeitalter nicht mehr zwischen Sein und Schein unterscheiden? Um uns diese verständliche Angst zu nehmen, versucht man die Neuheit der digitalen Medien zu relativieren. Eine beliebte Argumentation lautet: Licht, Luft, Wasser und Erde, genau wie Geld und Kreditkarten, seien doch auch Medien, die wir schon lange und problemlos nutzen. Und kann nicht genauso der Mensch als Medium und sein Gehirn als Empfangsgerät begriffen werden? Wozu also die ganze Aufregung um die sogenannten neuen Medien? Denn wird nicht auch die Frage, wie Medien die Realität verzerren, hinfällig, wenn all unser Wahrnehmen und Handeln in diesem Sinne stets medial vermittelt ist? Die Antwort lautet: Nein! Natürlich ist richtig, dass unser Gehirn Wahrnehmungen erst aus den Impulsen und Reizen der Außenwelt zusammensetzt, und zwar durch eine automatische Selektion und Interpretation. Die Wirklichkeit “als solche” kann nämlich kein Medium, auch nicht das Gehirn, abbilden. Doch damit ist der sachliche, politisch wie sozial bedeutsame Unterschied zu den keinesfalls automatischen Bildern, Texten und Tönen der Fernsehgeräte und Computer nicht aufgehoben.

Diese Medien sind nicht nur einfach aufdringlicher, sondern sie bieten – genau wie auch die Printmedien – Konstruktionen der Wirklichkeit, die stark interessengeleitet, das heißt ideologisch sein können. Das jedoch lässt sich von den automatischen Wahrnehmungskonstruktionen unseres Gehirns nicht behaupten. Sein Zugang zur physischen Welt ist einmalig und bleibt auf absehbare Zeit verlässlicher Maßstab im Wirrwarr der sich medial multiplizierenden Realitäten. Überhaupt könnten wir erst dann nicht mehr zwischen Sein und Schein unterscheiden, wenn eine Technologie entwickelt würde, die Wahrnehmungen und Empfindungen der Außenwelt, jedoch auch der Innenwelt perfekt simuliert. Erst damit ließe sich unser Unterscheidungsvermögen für reale und imaginierte Räume und Zeiten nachhaltig täuschen. Sollte aber je ein so atemberaubender Stand der Technik erreicht werden, dann – so darf man weiter träumen -, dürfte mit ihm eigentlich auch kein Grund mehr bestehen, über die reale Welt – wie kunstvoll auch immer – hinweg zu täuschen.

Zuerst erschienen 1996 in Der Tagesspiegel

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